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Kinder in Nepal: Wenn die Welt doch nur gerechter wäre

18.09.2026

Kindern und Jugendlichen ist soziale Gleichheit wichtig. Ob ihrem Wunsch nach Veränderung Taten folgen, hängt auch von Schule und Bildung ab.

Eine junge Frau und Kinder sitzen in einem bunt gestrichenen Raum auf dem Boden mit Papier vor sich

Jeanine Grütter spricht in einer Schule in Nepal mit Schülerinnen und Schülern. | © Max Korndörfer

Die einen wachsen in armen Verhältnissen auf mit wenig Aussicht, ihre Situation zu verbessern. Den anderen liegt von klein auf die Welt zu Füßen. Wie nehmen Kinder diese ungleichen Chancen wahr und wie gehen sie damit um? Auf der Suche nach einer Antwort reist LMU-Entwicklungspsychologin Jeanine Grütter auch nach Nepal. Dort forscht sie seit einigen Jahren zusammen mit ihren nepalesischen Kollegen. Damit untersucht sie eine vernachlässigte Perspektive, da die Frage bislang vorrangig im westlichen Kontext untersucht wurde.

„Nepal legt einerseits sehr stark Wert auf Diversität und Inklusion und hat viele Gesetze zur Gleichstellung verabschiedet. Gleichzeitig hat es die Geschichte von einem Kastensystem, das verboten wurde, weil es zu systematischer Diskriminierung geführt hat“, erklärt Jeanine Grütter. Diese Vergangenheit ist jedoch in der Gesellschaft noch immer präsent. So verrät zum Beispiel der Nachname die frühere Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kaste. „Das prägt weiterhin das Denken der Menschen, gerade in ländlichen Bereichen, wo viele Menschen in Armut leben. Die Benachteiligung besteht also immer noch, sie ist aber versteckter und korreliert stark mit Armut. Das macht es interessant, darüber zu forschen.“

Zugleich sind soziale Probleme und Ungleichheit in Nepal deutlich sichtbar. Das Land stagniert wirtschaftlich und listet weit oben im weltweiten Korruptionsindex. „Das beschäftigt die Menschen, vor allem die Jugendlichen.“

Kinder wünschen sich Gerechtigkeit und erkennen die sozialen Schranken

Prof. Dr. Jeanine Grütter

Zum ersten Mal war Jeanine Grütter 2009 während des Studiums für ein Psychologiepraktikum in Nepal und hat sich danach über 15 Jahre freiwillig im Bildungsbereich engagiert. Vor diesem Hintergrund wollte sie erforschen, ob bestimmte Schulstrukturen das Denken der Kinder nachhaltig prägen. Im Jahr 2017 hat sie im Rahmen eines Drittmittelprojekts als Postdoktorandin an der Tribhuvan University in Kathmandu gearbeitet. In den vergangenen Jahren hat sie in mehreren Projekten mit Partnern vor Ort die Sicht von Kindern und Jugendlichen auf die soziale Ungleichheit in ihrem Land untersucht. | © LMU / Florian Generotzky

Generell haben Kinder schon sehr früh ein Gespür dafür, ob es gerecht zugeht. Zunächst bestimmt das persönliche Miteinander ihr Handeln. Bereits Vierjährige achten zum Beispiel beim Teilen stark auf Fairness. Ein paar Jahre später können sie systemische Ungleichheiten erkennen. Das zeigt auch Grütters Projekt in Nepal: „Kinder sind sich mit acht, neun Jahren bewusst, dass es je nach Herkunft erhebliche Unterschiede gibt. Sie erkennen die sozialen Hierarchien und erwarten, dass Menschen danach behandelt werden. Aber sie selbst möchten, dass sich daran etwas verändert. Sie wünschen sich Gerechtigkeit und dass Personen nicht mehr benachteiligt und diskriminiert werden.“

Doch der Wunsch der Kinder nach mehr Gerechtigkeit trifft in ihrem direkten Umfeld teilweise auf andere Erwartungen. Wie frei Kinder und Jugendliche ihre eigenen Vorstellungen im Alltag umsetzen können, hängt stark von ihrem Umfeld ab. Verglichen etwa mit Deutschland bleiben Kinder und Jugendliche in Nepal viel stärker in ihren Familienkontext eingebunden.

„Es ist in Nepal wichtig, nicht gegen die Erwartung von Familie und Gemeinschaft zu verstoßen. Da fangen die Konflikte an. Kinder und Jugendliche merken, wenn ihre Eltern nicht möchten, dass sie Freundschaften oder romantische Beziehungen mit Gleichaltrigen aus benachteiligten Familien schließen.“ Umgekehrt verbieten Eltern aus niedrigeren Schichten ihren Kindern den Kontakt zu wohlsituierten Altersgenossen aus Angst, sie könnten Diskriminierung erfahren.

Lehrpersonen können viel bewirken

Jeanine Grütters Forschung zeigt, dass Schule und Lehrpersonen eine wichtige Rolle dafür spielen, wie Kinder mit dieser Situation umgehen. In Nepal gibt es private und öffentliche Schulen. Kinder aus benachteiligten Familien besuchen vor allem Letztere.

„Die Regierung hat versucht, dieses System zu durchbrechen. Seither müssen mindestens 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler an privaten Schulen aus benachteiligten Familien kommen. Es gibt auch private Schulen, die diverser sind und gezielt viel mehr Stipendien vergeben, um zu mehr Gleichstellung beizutragen“, erklärt Grütter.

Die Demonstration der Generation Z gegen Korruption und geplante Einschränkungen in den sozialen Medien in Kathmandu, Nepal.

Demonstration der Gen Z in Nepal (September 2025)

Jeanine Grütter fragt in ihren Studien Jugendliche auch nach dem politischen Engagement. „Hier gab es sehr viel Aufbruchstimmung, gerade nachdem lokale Wahlen eingeführt wurden. Es ist spannend zu sehen, wie sich diese Generation politisch beteiligt und was sie bewirken wird.“ | © IMAGO / ZUMA Press Wire / Amit / Machamasi

Die LMU-Psychologin hat die Einstellung der Kinder und Jugendlichen verglichen, je nachdem auf welche Schule sie gehen: „In den öffentlichen Schulen haben viele den Glauben an soziale Mobilität verloren. In Privatschulen mit wenig Diversität fokussieren sich Kinder und Jugendliche vor allem auf den Status quo und soziale Hierarchien. Kinder und Jugendliche aus diverseren Schulen hingegen glauben an soziale Gerechtigkeit und nehmen mehr Chancen für Mobilität wahr. Sie bewerten es als falsch, wenn Menschen benachteiligt werden, und möchten diese Hierarchien durchbrechen.“

Entscheidend für ihre Haltung ist die jeweilige Lehrkraft, zeigen Grütters Studien. „Es kommt darauf an, wie die Lehrperson unterrichtet. Wenn sie einen starken Fokus setzt auf Partizipation, Gleichheit und Demokratie, sind auch Kinder aus reicheren Familien eher bereit, sich dafür einzusetzen.“

In einem weiteren Projekt mit Kolleginnen und Kollegen in Nepal sollen nun Vorschläge für die Lehrerbildung entwickelt werden, um diese für die gesellschaftliche Relevanz des Themas und ihre Rolle zu sensibilisieren.

Weitere Studien geplant

Das Forschungsprojekt in Nepal zeige, dass Kinder und Jugendliche einen starken Wunsch nach Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Veränderung haben. Jeanine Grütter findet das bemerkenswert, da viele Kinder dort in einem Kontext aufwachsen, der von ausgeprägten sozialen Ungleichheiten geprägt ist und für manche sehr viel Benachteiligung mit sich bringt. Gleichzeitig spielen Erwartungen von Familie und Gemeinschaft eine wichtige Rolle. „Man könnte auch das Gegenteil erwarten: dass Kinder soziale Hierarchien als gegeben hinnehmen oder sich mit der Zeit in einem solchen System mit der Realität abfinden. Unsere Befunde zeigen jedoch, dass sie dieses System durchaus kritisch hinterfragen.“ Ein wichtiger Aspekt der Studie bleibt deshalb auch, herauszufinden, wie es Kindern und Jugendlichen gelingt, aktiv zu werden und zu Veränderungen beizutragen.

In einer weiteren Studie, die Grütter für Deutschland plant, sollen Kinder und Jugendliche über einen längeren Zeitraum begleitet werden. Das Ziel ist, herauszufinden, was dazu beiträgt, ob sie sich langfristig für eine gerechte Gesellschaft einsetzen. Denn die Ergebnisse aus Nepal seien durchaus auf andere Länder übertragbar, „mehr als man denkt“ auch auf Deutschland, wo die Zahl der von Armut betroffenen Kinder seit Jahren steigt.

Publikationen

Jeanine Grütter u.a.: Adolescents’ perceptions of social mobility: Reasoning about intergroup friendship and marriage in Nepal. In: Child Development 2026

Jeanine Grütter u.a.: Socioeconomic status biases among children and adolescents: The role of school diversity and teacher beliefs in Nepal. In: Child Development 2022

Jeanine Grütter u.a.: Adolescents’ own and parental expectations for cross-group friendship in the context of societal inequalities. In: Journal of Social Issues 2021

Jeanine Grütter u.a.: Children’s and adolescents’ reasoning about distributive fairness and educational inequalities. In: International Journal of Behavioral Development 2024

Manishi Srivastava, Jeanine Grütter u.a.: Adolescents’ beliefs about caste-essentialism and their social location in Nepal. In: Cognitive Development 2025

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